Wenn Denis Michael Kleinknecht vom Gasthof Heinzinger in Rottbach zu Wine & Dine einlädt, dann muss man schnell sein. Und wenn sich ein Weingut wie das Weinhaus Künstler in Hochheim am Main angesagt hat, gilt es um so mehr. Das Weinhaus beziehungsweise genauer das Weingut Künstler in Hochheim am Main gehört zu den profiliertesten Erzeugern des Rheingaus und verbindet auf bemerkenswerte Weise eine bewegte Familiengeschichte mit einem sehr klaren Qualitätsanspruch.

Gregor Breuer vom Weingut berichtet charmant und kompetent über das Weingut, die lange Geschichte und die berühmten Weine des Hauses, die es dann zum Verkosten gab. Dazu ein hervorragendes Menü von Denis Michael Kleinknecht und seinem Team.
Die Wurzeln des Weingutes reichen weit über Hochheim hinaus zurück: Die Familie Künstler betreibt nach eigenen Angaben seit 1648 Weinbau, ursprünglich in Untertannowitz in Südmähren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie enteignet und aus ihrer Heimat vertrieben; Franz Künstler gründete das Gut dann 1965 in Hochheim am Main neu. Aus dieser Zäsur erklärt sich ein Teil der besonderen Aura des Hauses: Künstler ist nicht einfach nur ein traditionsreiches Weingut, sondern ein Betrieb, dessen heutige Identität aus Verlust, Neuanfang und dem entschlossenen Wiederaufbau einer über Jahrhunderte gewachsenen Weinbautradition entstanden ist.

Spitzenlagen
Heute steht das Weingut für eine stilistisch sehr präzise, herkunftsbetonte Interpretation des Rheingaus. Es ist Mitglied im VDP und gehört diesem Verband seit 1994 an; laut VDP sind über 70 Prozent der Flächen als VDP.GROSSE LAGE klassifiziert. Das ist ein deutliches Signal dafür, wie stark das Haus über seine Spitzenlagen definiert ist. Sitz des Guts ist am Geheimrat-Hummel-Platz in Hochheim, also mitten in jenem Ort, der historisch zu den berühmtesten Weinbauadressen Deutschlands zählt. Künstler profitiert dabei von der besonderen Stellung Hochheims zwischen Main und Rhein, von den warmen, gut exponierten Hängen und von Böden, die den Weinen gleichermaßen Kraft, Reife und Struktur verleihen.
Riesling im Mittelpunkt
Im Mittelpunkt des Sortiments steht ganz klar der Riesling, die große Leitsorte des Rheingaus und auch bei Künstler der entscheidende Maßstab des Könnens. Daneben spielt Spätburgunder eine wichtige Rolle, vor allem dort, wo das Gut in Assmannshausen über Rotweinparzellen verfügt. Die hauseigene Klassifikation folgt der VDP-Logik aus Gutswein, Ortswein, Erster Lage und Großer Lage. Schon auf der offiziellen Weineseite macht Künstler deutlich, dass bei den VDP.Ortsweinen vor allem Riesling und Spätburgunder als regionstypische Rebsorten im Zentrum stehen; in den höchsten Herkunftsstufen, den Großen Lagen, sind im Rheingau ebenfalls nur diese beiden Sorten zugelassen. Damit zeigt sich sehr schön, wie konsequent das Gut nicht auf modische Vielfalt, sondern auf die pointierte Ausarbeitung weniger, dafür umso aussagekräftigerer Rebsorten setzt.
Besonders berühmt ist Künstler für seine Hochheimer Rieslinge. Die Lage Hochheimer Hölle zählt zu den bekanntesten Weinbergen des Hauses. Der Name hat, wie das Weingut eigens erläutert, nichts mit dem Fegefeuer zu tun, sondern leitet sich von einem alten Wort für Hang oder Halde ab. Die südlich ausgerichteten Rebhänge ziehen auf den Main zu; auf schwerem Tonboden entstehen dort nach Beschreibung des Guts „kraftstrotzende, monumentale, fast zeitlose Weine“. Das ist eine ziemlich treffende Kurzcharakteristik für den Stil vieler Künstler-Rieslinge überhaupt: Sie sind oft nicht primär filigran oder spielerisch gedacht, sondern verbinden Substanz, Dichte und Reifepotenzial mit einer klaren, tragenden Säure. Der Hölle Riesling GG 2022 wird etwa als trockener Wein aus VDP.GROSSE LAGE geführt; ein jüngerer Wein aus derselben Lage, der Hochheimer Hölle „Im Neuenberg“ Riesling trocken 2024, wird mit Aromen von gelbem Apfel, Birne und Zitronenschale sowie einer dichten, konzentrierten Art beschrieben. Das unterstreicht, dass Künstler auch in den trockenen Weinen gerne Kraft und Präzision zusammenführt. 

Eine weitere Schlüsselrolle spielt der Hochheimer Stielweg, eine Lage, die zu hundert Prozent mit Riesling bestockt ist und in der Künstler laut eigener Darstellung allein 4,7 Hektar besitzt. Die dortigen, teils über 50 Jahre alten Reben bringen Weine hervor, die von schwerem lehmig-tonigem Boden geprägt sind und zugleich eine bemerkenswerte Kombination aus Fruchtfülle und feinnerviger Eleganz zeigen sollen. Diese Beschreibung ist charakteristisch für den Reiz des Hauses: Künstler-Weine wollen nicht nur druckvoll und langlebig sein, sie sollen trotz ihrer Dichte auch Noblesse und Differenzierung besitzen. Gerade darin liegt ein Grund, warum das Gut sowohl bei klassischen Riesling-Liebhabern als auch bei Sammlern einen so guten Ruf genießt. 
Hinzu kommen weitere Hochheimer Lagen wie Kirchenstück und Stein, die jeweils andere Nuancen hervorbringen. Im Kirchenstück beschreibt das Weingut einen eher leichteren, säurebetonten Riesling mit mineralischer Aromatik sowie Noten von Honigmelone, Aprikose und Pfirsich. Der Stein wiederum steht für feingliedrige, zarte Weine mit moderater Säure und delikater Frucht. Schon diese Gegenüberstellung zeigt, dass Künstler den Begriff Herkunft sehr ernst nimmt: Nicht ein einheitlicher „Hausstil“ überdeckt die Unterschiede der Parzellen, sondern die jeweiligen Böden und Expositionen sollen erkennbar bleiben. Das macht die Kollektion für Weintrinker besonders spannend, die innerhalb eines einzigen Ortes unterschiedliche Terroir-Ausprägungen vergleichen möchten. 
So wichtig der Riesling für Hochheim ist, so interessant ist bei Künstler auch die rotweinbezogene Seite des Sortiments. Das Gut besitzt Flächen im Assmannshäuser Höllenberg, einer der berühmtesten deutschen Rotweinlagen überhaupt. Dort gedeiht fast ausschließlich Spätburgunder; das Weingut selbst spricht von einer „Rotweininsel“ und betont die besondere Bedeutung des Höllenbergs für den Rheingauer Rotweinbau. Der Höllenberg Spätburgunder GG 2020 wird als mineralisch, feingliedrig und von kühler Eleganz getragen beschrieben, mit Aromen von Kirsche, Brombeere, Wacholder und getrockneten Kräutern sowie markanten Tanninen. Der Ausbau erfolgt zumindest bei diesem Wein teilweise im Barrique, was erkennen lässt, dass Künstler beim Spätburgunder nicht bloß ein Nebenprogramm betreibt, sondern sehr ernsthaft versucht, auch im Rotweinbereich Herkunft und Struktur herauszuarbeiten. 
Charakteristisch für das Weingut ist außerdem die Bandbreite über die Prädikatsstufen hinweg. Künstler steht nicht nur für trockene Spitzenrieslinge, sondern auch für restsüße und edelsüße Weine. Das zeigt etwa die im Sortiment nachweisbare Hochheimer Hölle Trockenbeerenauslese 2015. Damit bleibt das Gut einer Rheingauer Tradition treu, nach der große Rieslinghäuser ihr Können gerade nicht auf nur einen Geschmackstyp reduzieren, sondern trockene, feinherbe, fruchtige und edelsüße Weine als Ausdruck derselben Herkunft verstehen. Diese stilistische Breite gehört zum klassischen Selbstverständnis großer deutscher Rieslingbetriebe und ist bei Künstler deutlich erkennbar. 
Der Ruf des Hauses gründet sich längst nicht mehr nur auf Tradition, sondern auch auf internationale Anerkennung. So verweist das Weingut selbst darauf, dass der 2023er Hölle Riesling Großes Gewächs Anfang 2025 von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde. Solche Bewertungen sind natürlich nicht der einzige Maßstab für Qualität, zeigen aber, wie stark Künstler heute auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird. Ebenfalls publizierte das Weingut eine Falstaff-Bewertung von 94 Punkten für den 2022er Höllenberg Spätburgunder GG. Diese Auszeichnungen passen zu dem Bild eines Hauses, das sowohl im Weißwein- als auch im Rotweinsegment hohe Ansprüche erfüllt und den Namen Hochheim weit über die Region hinaus sichtbar macht. 
Gerade im historischen Zusammenhang ist das besonders bemerkenswert. Hochheim war im 19. Jahrhundert ein geradezu legendärer Weinort; der Name „Hock“ wurde im englischsprachigen Raum zeitweise fast zum Synonym für Rheinwein. Das Weingut Künstler knüpft an diese große Vergangenheit an, ohne in bloßer Nostalgie zu verharren. Vielmehr verbindet es eine klassisch geprägte Vorstellung von Herkunft und Lagerfähigkeit mit moderner Präzision im Ausbau. Auf der Website beschreibt das Gut seine Weine als „Geschmacksbilder“ und als hochwertige Unikate. Hinter dieser Formulierung steht der Anspruch, den Charakter eines Jahrgangs und einer Lage nicht zu glätten, sondern möglichst genau herauszuarbeiten. 
So lässt sich das Weingut Künstler insgesamt als ein Haus verstehen, das im Rheingau tief verwurzelt ist und zugleich eine außergewöhnliche Familienbiografie mitbringt. Die Geschichte von der südmährischen Herkunft über Flucht und Neugründung in Hochheim bis zur heutigen internationalen Spitzenstellung verleiht dem Betrieb ein besonderes Profil. In den Weinen spiegelt sich das in einer Verbindung aus Ernsthaftigkeit, Herkunftstreue und Qualitätsbewusstsein: Die Hochheimer Rieslinge stehen oft für Kraft, Tiefe und Reifepotenzial, während die Assmannshäuser Spätburgunder die kühlere, mineralischere Seite des Rheingaus zeigen. Gerade diese Mischung aus historischer Tiefe, klarer Stilistik und großem Respekt vor den Lagen macht Künstler zu einem der interessantesten Weingüter am Main und im gesamten Rheingau. 
Das Menü des Abends mit den entsprechenden Weinen:
Amuse Bouche
2018 Hochheimer Stein Riesling Sekt
extra brut


Rauchforelle | Creme Fraîche | Boskop | Kren
2024 Chardonnay, Kalkstein‘ trocken



Spargel | Hanf | Spargelcreme
2025 Sauvignon Blanc , Kalkstein‘ trocken


Garnele Sepia | Kerbel | Erbse
2023 Hochheimer Domdechaney Riesling

Bärlauchknöpfle | Eigelb | Ziegenkäse
2018 Hochheimer Kirchenstück ,GG

Kalbstafelspitz | Haselnuss | Grüner Spargel |
Rotweinschalotte
2023 Hochheimer Stein Spätburgunder
trocken


Topfen | Rhabarber | Schokolade
2021 Rüdesheimer Berg Rottland Riesling
Auslese


























































